Wie viel CO2 verbraucht eine Website?

CO2-Aufmacher

Corona ist zumindest gut für die Klimabilanz, hätte man denken können. Aber das stimmt nicht. Der CO2-Ausstoss ist gestiegen und Schuld daran sind auch unsere Webseiten und YouTube-Videos.

„Wir ziehen unsere Webseiten auf grüne Google-Server um“. Dieser Ansage kommt aus der IT-Abteilung eines namhaften Weltkonzerns, dessen Name hier nicht genannt werden darf, obwohl er unbedingt genannt werden sollte.

„Nachhaltigkeit ist vor allem ein Marketing-Thema“. Das ist die Essenz einer aktuellen Studie, in der rund die Hälfte aller Marketer sagen, dass Stromsparen und Umweltverschmutzung vermeiden zwar gut fürs Image und langfristig vielleicht für die Marke sind. Sie haben aber mit dem aktuellen Geschäftsgeschehen wenig zu tun.

„Wir überlegen bei Zoom-Konferenzen, ob wir die Kameras ausschalten, um weniger CO2 zu verursachen“. Dieser Satz stammt von Anna Yona, einer der beiden Gründerinnnen von Wildling Shoes. Ich durfte Anna für MEEDIA interviewen. Und wir sprachen viel über Nachhaltigkeit. „Die Schuhproduktion ist alles andere als nachhaltig“, sagt sie. Wissend nickte ich. Das ist ja bekannt, dass die Modebranche und die Art, wie wir Mode als „Fast Moving Consumer Good“ verstehen, ein Teil des Problems ist.

Aber Zoom? Ist nicht genau die Verlagerung der Meetings ins Digitale ein wichtiger Schritt in Richtung Energieeffizienz? Ich hatte das selbst schon in einigen Artikeln über New Work geschrieben. Unreflektiert und unrecherchiert. Ist doch klar, dass die CO2-Bilanz besser ist, wenn die Menschen nicht zur Arbeit pendeln oder zu Meetings über den Atlantik fliegen.

Die Fakten

Ja das kann man behaupten, ohne die Unwahrheit zu schreiben. Aber es ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Vergleicht man das Zoom-Meeting mit dem Business-Trip von Europa nach New York und zurück, dann kann man 55.000  einstündige Zoom-Calls machen, bis man den CO2-Schmerz ausgeglichen hat. Um die vier Gramm CO2-Äquivalent verbraucht ein einstündiger Zoom-Call im Durchschnitt.

Zoom_Standbild
Wer in der Videokonferenz mit Standbildern statt Videos arbeitet, spart CO2 – Bild: Screenshot

Die Berechnung stammt von David Mytton. Er setzt einen CO2-Ausstoß von etwa 700 Kg pro Passagier für den Transatlantik-Flug an. Der Zoom-Call „kostet“ zwischen einem und sechs Gramm, je nachdem welchen Strommix die Teilnehmer und Server benutzen. Tatsächlich ist die Berechnung von Mytton noch ziemlich konservativ. Der Rechner von „Klimaaktiv“ gibt an, dass jeder Passagier beim transatlantischen Rückflug 3,6 Tonnen CO2 verursacht.

Unvollständig bleibt der Vergleich dennoch, denn wir bleiben hier auf Zoom-PR-Niveau hängen. Was ist, wenn zwei Menschen einen Zoom-Call machen, die in der gleichen Stadt wohnen und sich im Café treffen könnten? Dann – so Mytton – gibt es schon eine Grenze, wo die Videokonferenz schlechter abschneidet. CO2-technisch gesehen.

Renewables
Das Thema Energiekonsum und Nachhaltigkeit steht bei einigen der Tech-Giganten ganz oben auf der Agenda – Foto: Screenshot

Das eigentliche Problem ist die schiere Masse an Video-Content, die wir alle streamen. Sie macht jetzt schon etwa 80 Prozent des gesamten Netzverkehrs aus. Und der wiederum produziert in der Summe etwa das Vierfache des CO2-Ausstoßes der gesamten Luftfahrt. Bis 2025, so haben Forscher berechnet, wird das Internet ein Viertel des ganzen Stroms verbrauchen, der auf der Welt erzeugt wird. Besser also, wenn das Grünstrom ist.

Die Details

Auch eine Stunde Netflix-Video verbraucht so um die vier Gramm CO2. Zwar sind die Bildinhalte deutlich dynamischer, als bei Zoom, was die Datenrate insgesamt erhöht, aber dafür sind nur zwei Rechner beteiligt: der Server und der Rechner des Betrachters. Beim Zoom-Call sind es mindestens drei Rechner in den meisten Meetings aber eben auch eher sechs bis zehn.

Anders als beim Broadcast-Fernsehen, wo sich die Endgeräte quasi ins gesendete Signal einklinken, macht es bei Zoom oder Netflix einen großen Unterschied, wie viele Menschen teilnehmen. Im Wesentlichen braucht jeder Teilnehmer die volle Leistung. Also Server, Leitung, Client. Der Server stellt jeden einzelnen Videostream als individuelle „Pipe“ zur Verfügung. Zwischenzeitlich hatte Zoom mal in einer Pressemitteilung Stolz verkündet, man schalte täglich 2000 neue Server in der Amazon Cloud auf. Es gibt nur einen sehr kleinen Anteil an Stromkosten, die wie Fixkosten zu sehen sind, sich also auf die Menge aller Teilnehmer verteilen. Der Rest skaliert fast linear mit der Teilnehmerzahl. Ein einstündiger Zoom-Call mit 10 Teilnehmern kostet bis zu 40 Gramm CO2.

Spielt das Ausschalten der Kamera eine Rolle? Ja, tut es wirklich. Ein „normales“ Videobild besteht aus der Menge Pixel, die der Auflösung des Ausgangsmaterials entsprechen. Das sind zum Beispiel bei Full-HD-Auflösung (1920 x 1080) rund zwei Millionen Bildpunkte. Die werden im klassischen Videosignal 25 Mal pro Sekunde übertragen. Bei „flimmerfreien“ 50 oder gar 100 Hertz sogar doppelt bzw. vier Mal so oft. Bei 4K-Video sprechen wir übrigens von acht Mio. Bildpunkten.

Das gängige Video-Kompressionsverfahren MPEG sucht nach Veränderungen in den übertragenen Bildern auf der Zeitachse. Verändert sich ein Bildinhalt nicht, so wird er über mehrere Einzelbilder beibehalten. Hier spart das Signal also die „Wiederholung“ des bereits definierten Bildpunktes. In festgelegten Intervallen gibt es Vollbilder. Der Zuschauer sieht davon nichts, es sei denn, er springt in einem MP4-Video einfach mal mitten rein, zum Beispiel bei einer Zoom-Aufzeichnung. Dann zeigt sich ein grauenvoll zerhacktes Bild, dass sich nach ein paar Sekunden glatt zieht. Eben dann, wenn das Signal bei einem Vollbild ankommt.

Das bedeutet:

  • Nachrichtensprecher und Zoom-Teilnehmer verbrauchen weniger Daten pro Sekunde, als das olympische Eishockeyfinale
  • Virtuelle Hintergründe verbrauchen drastisch weniger Daten, als das echte Kamerabild. Allerdings braucht der Client-Rechner mehr Rechnerleistung, um den Sprecher vor den Hintergrund zu montieren.
  • Abgeschaltete Kameras reduzieren die übertragene Datenmenge und den Stromverbrauch der Monitore (das Platzhalterbild ist ja weitgehend schwarz). Die Ersparnis hängt von der anteiligen Fläche ab, die die Schwarzbilder einnehmen.
  • Gedimmte Monitore, die nicht mit voller Helligkeit arbeiten, reduzieren den gesamten Stromverbrauch deutlich.

Außerdem hat die internationale Energieagentur festgestellt, dass Glasfaserleitungen die CO2-Kosten für die Datenübertragung halbieren können im Vergleich zu klassischem Breitband-Kupfer. Eine aus CO2-Bilanz-Gründen ganz schlechte Idee ist es, mit einem Smartphone über das 3G-Netz an einem Zoom-Call teilzunehmen.

Die Websites und -server

David Mytton beschwert sich zurecht darüber, dass ausgerechnet der Pandemie-Gewinner Zoom so gar nicht in Richtung Grünstrom oder Nachhaltigkeit argumentiert und daher vermutlich auch nichts in dieser Richtung unternimmt. Tatsächlich haben Google und Microsoft klare Ziele geäußert, wie sie den CO2-Fußabdruck der eigenen Serverfarmen in den nächsten Jahren auf null reduzieren wollen. Google gibt mit beeindruckender Transparenz Auskunft über den Strommix der jeweiligen Standorte. Werden an einem Standort „erst“ 69 Prozent regenerative Energien eingesetzt, dann sagt Google von sich selbst: Da müssen wir noch was tun.

CO2-Test
Testen Sie Ihre eigene Website. Wer CO2 spart, verringert auch die Ladezeiten und erzeugt dadurch eine bessere User Experience

Und damit kommen wir zum deutschen Website-Betreiber, also vermutlich zu jedem einzelnen Leser. Jeder Aufruf einer Website erzeugt CO2. Der Website Carbon Calculator geht davon aus, dass im Durchschnitt knapp zwei Gramm CO2 bei jedem Websitebesuch entstehen. So viel wie bei einer Stunde Netflix in Standardauflösung.

Ihr könnt eure eigenen Sites dort mal testen. Ich habe das auch mal mit Automobilmarken gemacht. Dacia schneidet richtig gut ab, Audi mit acht Gramm pro Besuch richtig schlecht. Multipliziert man das mit der Menge der Besucher, dann kommen Jahressummen von 100 Kilogramm bis eine Tonne CO2 dabei heraus. Für letzteres müsste man etwa 50 Bäume zur Kompensation pflanzen.

Eine durchschnittliche Marken-Website mit zwei Gramm CO2 pro Besuch und einer Million monatlichen Page Views produziert in etwa 20 Tonnen CO2. Dafür müsste man einen Wald mit 1000 Bäumen pflanzen, um das auszugleichen.

Der Call-to-Action

Natürlich habe ich auch sofort Speakersdelight getestet. Und ich hatte Glück. Die Site produziert nur 0,3 Gramm CO2 pro Besuch. Und das liegt vor allem daran, dass der Hoster mit Grünstrom arbeitet. Danke Strato. Das war vor zehn Jahren nicht Grundlage der Entscheidung, aber heute freue ich mich darüber.

Dark Mode VW
Es ist ein Experiment von VW Kanada, aber Themen wie Dark Mode spielen derzeit in der Debatte eine große Rolle – Bild: Screenshot

Der zweite Grund, warum die Seite halbwegs funktioniert ist die Tatsache, dass die Bilder gut komprimiert sind, BEVOR sie an WordPress übergeben werden. Und natürlich verzichtet die Seite auf externe Skriptbibliotheken (abgesehen vom Shop) oder Web-Fonts. Beides hängt wie Blei an einer Seite und verschlechtert deren Performance, wenn man es nicht sorgfältig pflegt.

Das Spannende an performanten Websites ist, dass das auch für die User Experience und das Google Ranking richtig gut ist. Wer sich an die Überarbeitung begibt, sollte das Thema Accessability gleich mitdenken, denn ab Januar 2023 gibt es keine öffentlichen Aufträge mehr für Unternehmen, Speaker oder Moderatoren, deren Website nicht barrierefrei ist.

In Sachen Marketing sollte man sich der Tatsache bewusst sein, dass jedes Video, das bei Youtube liegt, zum CO2-Debakel beiträgt. Sortiert doch mal aus und lasst nur die wirklich wichtigen Highlight-Videos stehen.

Was uns zu einer kleinen Liste mit Anregungen und Gedanken bringt. Die ist nicht vollständig – wird sie wohl niemals werden – aber vielleicht inspiriert sie.

  • Eigene Webangebote darauf prüfen, ob sie „grün“ gehostet werden
  • Eigene Devices (externe Monitore) auf Energieeffizienz prüfen
  • Bei allen Bildschirmen mal die Helligkeit auf 50% stellen und schauen, ob das funktioniert
  • Automatische Updates der eigenen Tools deaktivieren und gelegentlich (1x pro Woche) von Hand durchführen
  • „Ruhezustand“ für alle Bildschirme streng setzen (nach einer Minute der Inaktivität)
  • Ethernet-Kabel schlägt WLan, Ladekabel schlägt Induktionsladung
  • Kleine Bildschirme einsetzen, wenn möglich (kein Mensch muss seine Kollegen auf dem Beamer sehen)
  • Nach der ersten Begrüßungsrunde Kamera in Zoom, Meet, Teams abschalten und mit einem statischen Bild ersetzen

So viel fürs Erste. Das wird sicher nicht der letzte Artikel über dieses Thema sein. Energiesparen ist mir tatsächlich in die Wiege gelegt worden, ich bin halt im Schwäbischen geboren. Aber ich bin noch lange nicht dort, wo ich sein will.

Und noch eins: Rechnet doch mal aus, was das Pendeln ins Büro wirklich an CO2 kostet, und welchen Mehraufwand welche Alternativen bedeuten. Es geht gar nicht darum, sofort alles zu ändern. Aber wir brauchen Transparenz und Klarheit. Ich bin keineswegs der Meinung, dass der Endkunde allein das alles richten kann. Aber er kann sich als Konsument auch nicht aus der Verantwortung stehlen. Die zurzeit angebotenen 50/50-Produkte, die die Hälfte des Fleisches durch Ersatzstoffe auf Erbsen- oder Soja-Basis ersetzen, sind definitiv für mich ein Schritt in die richtige Richtung.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.