Tools: Cicero, das Kartenspiel für Speaker

Cicero Card Deck

Wie sind nicht einer Meinung. Das passiert selten zwischen meiner Frau und mir. In der Regel haben wir einen ähnlichen Blickwinkel auf die meisten Dinge. Aber bei Cicero ist das anders.

Cicero ist ein Kartenspiel aus der Kategorie „Serious Play“.

Menschen – vor allem Erwachsene – sollen damit spielen und dabei ernst bleiben. Oder ein ernstes Thema in den Mittelpunkt stellen.

In diesem Fall: Die bessere Keynote.

Cicero ist ein Kartenspiel, mit dessen Hilfe man seinen Vortrag vorbereitet. Und zwar den inhaltlichen Teil, die Struktur, die Bebilderung. Der tatsächliche Auftritt wird nicht thematisiert.

Die drei Phasen der Vorbereitung

Phase eins: „Groundwork“- das Ziel des Vortrags

Das sind die sieben weißen Karten, mit deren Hilfe man das Ziel des Vortrags formuliert. Man analysiert das Publikum und sucht nach der Verbindung zwischen beidem.

Mit deren Hilfe? Ja, denn die Cicero-Karten kann man wie eine Checkliste sehen. Oder wie ein Metaplan-Raster. Man möge – so sagt die erste weiße Karte– die sechs Grundarbeiten mit Klebeband an ein Poster heften und jeweils darunter die wichtigen Informationen als Postit kleben.

Guter Ansatz, aber dafür braucht es freilich das Kartenspiel nicht, sondern nur die Information.

Hier ist sie:

Die sechs „Groundworks“ lauten:

  • Ziel,
  • Dauer,
  • Zielgruppe,
  • Sprache,
  • Erwartungen und Hindernisse sowie
  • Ausrüstung.

Hier zeigt sich bereits, was Cicero kann. Die Karten selbst sind leidlich banal. Aber sie helfen dabei, nichts zu vergessen. Eine Checkliste eben. Wertvoll dagegen ist das Handbuch, das mit allerhand Beispielen erläutert, wie die Unterpunkte zu den Karten befüllt werden können.

Wenn man das liest und für den eigenen Vortrag ausformuliert, erscheint dieser in seiner Gänze bereits vor dem geistigen Auge. Genau das ist es, was vielen Speakern fehlt: Der Blick auf das Gesamtpaket.

Phase zwei: Schwerpunkte und deren Verankerung im Vortrag

Die roten Karten sind für Phase zwei: die Schwerpunkte.

Es sind nur vier Karten:

  • Überschrift zum jeweiligen Schwerpunkt,
  • Fakten und Beispiele dazu,
  • Übergänge von einem Punkt zum anderen und
  • das verbindende Muster.

Auch hier wird das Handbuch wieder konkret: Als Verbinder werden vorgestellt:

  • die Metapher („I have a dream“),
  • die Heldenreise (klassische Case Study) und
  • die einfache Aufzählung gleichrangiger Schwerpunkte.

Dann gibt es den sogenannten

  • „Catchphrase“, ein Leitsatz, der immer wieder wiederholt wird und zu jedem Schwerpunkt passt.

Und dann gibt es noch

  • den Twist und
  • die Ironie.

Hier beweist Cicero, woher der Name kommt: Der antike Meister der Vortragskunst begann Reden gerne damit, den Feind oder politischen Gegner zu loben und zu preisen. Für das Publikum war das unerwartet und sorgte für Irritation und Aufmerksamkeit. Sodann zerpflückte Cicero ein Lob nach dem anderen, um zum Schluss am Gegner kein gutes Haar mehr zu lassen. Durch diesen Aufbau führte Cicero seine Zuhörer zu dem scheinbar „logischen“ Schluss, man könne ja nicht anders, als gegen den Gegner politisch zu opponieren oder im Extremfall gar Krieg zu führen.

Phase drei: Die Struktur des Vortrags

Zurück zum Kartenspiel.

Der größte Block in Cicero sind die schwarzen Karten. Es sind 14. Acht davon widmen sich der „Disposition“. Das ist der Ablauf des Vortrags. Cicero geht von einem Sieben-Akter aus. Das ist eine Menge und kann für Vorträge ab 40 Minuten aufwärts eingesetzt werden. Darunter ist eher der Fünfakter normal. Für den klassischen 20-Minüter empfehlen die meisten Speaker-Trainer den Dreiakter. Macht aber nix, man kann ja Karten aus dem Spiel lassen.

Cicero Card Intrigue
Die Macher von Cicero denken auch daran, dass der Vortrag vor dem ersten gesprochenen Wort beginnt (Bild: Frank Puscher )

Dass die Macher von Cicero ihr Handwerk verstehen, sieht man an der Karte mit der Nummer 1. Es ist eben nicht die Einleitung im Vortrag, sondern startet bereits vorher, bei der „Intrigue“. Das ist gleichzusetzen mit dem ersten Eindruck, den ein Speaker hinterlässt. Dazu zählen

  • die sorgfältige Wahl der Garderobe und
  • der Aufbau von Glaubwürdigkeit – der übrigens bereits bei der Formulierung von Abstract und Vita fürs Programm beginnt.

Und es geht um

  • den „Hook“, den emotionalen Anker. Trainer Frank Asmus nennt das die „Mission“. Man könnte auch mit dem Golden Circle von Simon Sinek argumentieren: Es ist das „Why“ des ganzen Vortrags. Was ist des Speakers innere Überzeugung?

Der Rest ist Standard: Einleitung, fünf Hauptpunkte und der Abschluss mit klarem Call to Action.

Die fünf restlichen schwarzen Karten bilden die „Levels“ der Präsentation. Das sind die Elemente, die jeder der einzelnen Dispositionsphasen zugeordnet werden. Es geht um den Entwurf der jeweiligen Phase, die Zahlen, Daten, Fakten oder Bebilderung, das Einbinden des Publikums, die Wahl der Sprache und der Gesten, sowie um die Folien selbst.  

Aus den Levels und der Disposition ergibt sich ein Raster. Und das ist – Ihr habt richtig mitgezählt – die 14. schwarze Karte. Sie zeigt einfach nur, wie das Ganze aussieht.

Fazit

Und warum kann man sich über so ein banales Kartenspiel mit seiner Ehefrau, die selbst Marketerin und Speakerin ist, uneins sein?

Eben drum. Das Spiel ist banal.

Es hilft dem einzelnen Speaker nicht viel mehr, als wenn er aus diesem Text die wichtigen Stichworte extrahiert und sich selbst eine Checkliste erstellt. 

Dann fehlt zwar das wirklich gute Handbuch, aber dafür liest man ja zum Beispiel diesen Blog. Da steht noch viel mehr über gutes Sprechen drin.

Das ist die Position meiner geliebten Frau und sie hat natürlich recht.

Wofür Cicero aber bestens funktioniert ist für das Training angehender Speaker.

Ich wünschte, man würde solche Tools zum Beispiel in der Schule einsetzen, um jungen Menschen die strukturierte Vorbereitung eines Vortrags beizubringen.

Jeder, der gelegentlich Menschen weiterbildet – ob intern oder im Seminar – kann das Kartenspiel nutzen, oder am besten mehrere davon. Das funktioniert wunderbar in Gruppenarbeiten. Die Teilnehmer erarbeiten sich anhand der Karten und der Anleitung selbst das Vortragskonzept. Und das sitzt dann auch.

Das Charmante an den Spielkarten ist genau ihre Flüchtigkeit. Der Trainer bringt sie in einer gewissen Phase des Trainings ins Spiel und räumt sie danach aber auch wieder einfach weg. Man kann sich aufs nächste Thema konzentrieren.

Cicero braucht man nicht unbedingt, aber es ist ein schönes Hilfsmittel für Speaker-Trainings. Das Produkt stammt vom Mailänder Designer Matteo di Pascale, kostet 29 Euro und hat enormen Erfolg als Kickstarter-Projekt gehabt. Es gibt auch noch zwei Schwestern, nämlich Fabula das Framework fürs Storytelling und Intuiti, der Anreger für mehr Kreativität.

Beide werden demnächst hier vorgestellt werden.

Aber vorab nur so viel: Intuiti erinnert sehr stark an das Familienspiel Dixit. Spiel des Jahres 2010. Natürlich ist Dixit kein „Serious Game“, aber seiner Fantasie auf spielerische Weise freien Lauf lassen, kann man damit wunderbar. Und weil Dixit tatsächlich als Spiel konzipiert ist, muss sich der jeweilige Erzähler sehr viel Mühe damit geben, für die aktuelle Zielgruppe – die anderen Spieler – den richtigen Ton zu treffen. Noch eine Übung, die jedem angehenden Keynote-Speaker gut zu Gesicht steht.

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